Per Arm

Die Jugend traf sich abends auf der Lunn, im Winter ging man auf die Mai. Diese fand immer im Haus eines Mädchens statt. Eine Gruppe von drei bis sechs Freundinnen wechselte sich hierbei ab. Samstags war keine Mai, denn das war der Putztag, außerdem wurde gebadet. Beim Maien ging es lustig zu, mit Spielen und Plaudern. Oft wurden dort auch die ersten Freundschaften geschlossen. Die Mutter des Hauses erschien in bestimmten Abständen in der Tür und passte auf, dass die Moral gewahrt wurde. Wenn ein Mädchen einen „Borsch“ (festen Freund) hatte, kam es nicht mehr auf die Mai, denn der Borsch kam abends auf die Freierei. Es sei denn, dieser wurde von den Eltern nicht akzeptiert, wenn er z.B. einen schlechten Ruf hatte oder wenn die „Sach“ (Mitgift) nicht stimmte. Manchmal eskalierte das zu einem richtigen Drama.

Ein Mädchen ging mit seinem Borsch in der Öffentlichkeit immer per Arm. Wenn man mit dem Mädchen tanzen wollte, musste man den Borsch zuerst fragen, sonst gab es Ärger. Samstags ging man nie auf die Freierei, man sagte: „Samstags gehen nur die Bettpisser“. Wenn man ein Mädchen zum Tanz aufforderte, machte man vor ihm eine Verneigung und sagte: „Darf ich bitten“ – wobei es den Tanz nicht ausschlagen durfte. Einmal am Abend war Damenwahl und man hoffte dann sehr, von einem bestimmten Mädchen aufgefordert zu werden. Wenn das nicht geschah, war man frustriert und man tröstete sich mit Moseltrester, falls man noch Geld in der Tasche hatte. Wenn nicht, machte man auch schon mal ein „Bockelchen“, man ließ also anschreiben.

Die Besatzungskinder

Einige Mädchen hatten ein Verhältnis mit amerikanischen, englischen, französischen Besatzungssoldaten oder mit französischen Holzfällern, die hier große Waldflächen abholzten. Es blieb nicht aus, dass aus diesen Verbindungen Kinder hervorgingen. Im katholischen Hunsrück wurden diese Mädchen verachtet und ihre Kinder nannte man „Bankert“. Sie hatten kaum eine Chance, einen deutschen Partner zu finden, zumal viele junge Männer im Krieg geblieben waren und die Heimgekehrten die große Auswahl hatten. Die unehelichen Kinder wurden gehänselt und gefragt, ob ihr Vater auf dem Kirschbaum ertrunken sei. Gott sei Dank sieht man die Dinge heute anders und ein uneheliches Kind ist kein Makel mehr. Was aber nicht ausschließt, dass es auch heute noch Zeitgenossen gibt, die hinter vorgehaltener Hand über diese Frauen tuscheln.

Der Menges

Hauptlehrer Steinmetz, der den Spitznamen „Menges“ hatte, war Lehrer an der Gonzerather Schule. Er unterrichtete die Oberklasse, aushilfsweise auch die Mittel- und Unterklasse. Sein Steckenpferd war das kleine und in der Oberklasse das große Einmaleins. Wer das beherrschte, war bei ihm Hahn im Korb. Wenn er mit Gummistiefeln in die Schule kam, war er sehr erregt und nahm, wenn er die Treppe hochkam, gleich zwei Stufen auf einmal. Dann legte er sofort los mit Kopfrechnen und machte ständig sich Notizen für die Noten. Man erzählte sich, dass er zu Hause Ärger hatte, wenn er mit Gummistiefeln in die Schule kam.

Wenn er an der Tafel stand und mit Papierbällchen auf ihn geworfen wurde oder sonstiger Schabernack hinter seinem Rücken geschah, hieß es: „Wer war das?“ Wenn sich niemand meldete, gab es eine Strafarbeit für die ganze Klasse, Verräter lehnte er ab. Es gab Fälle, dass alle Jungs nacheinander jeweils vier Stockhiebe auf den Hintern bekamen und er sich dabei so verausgabte, dass er anschließend zehn Minuten am offenen Fenster nach Luft schnappen musste. Außer diesen seltenen Ausrastern war er jedoch ein guter Lehrer.

In der Mansarde der Schule waren Bastelräume eingerichtet. Dort hatten die Jungen der Oberklasse unter Aufsicht von Menges Modellflugzeuge gebaut. Außerdem wurden aus Holz Gewehre und Handgranaten gefertigt, welche von der Hitlerjugend für die Kriegsspiele gebraucht wurden. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem sich mein Vater äußerte, dass man einen Krieg, in dem die Fronten immer länger werden, nicht gewinnen könne. Obwohl er NSDAP-Ortsgruppenleiter war, antwortete Steinmetz: „Matz, sag so etwas nie zu einem anderen, du weißt, was dann passiert – denk an deine Kinder“.

Nach dem Krieg gründete Menges eine Blaskapelle, ich selbst war Schlagzeuger. Sehr erfolgreich waren wir nicht, aber es machte großen Spaß.

Die Wildsau

Es war im Winter 1942, als sich mein Bruder Paul mit den Skiern auf den Weg nach Morbach machte, um Material für die Werkstatt einzukaufen. An diesem Tag gab es ein heftiges Schneegestöber und die Straßen waren derart verweht, dass kein Fahrzeug mehr durchkam. Mit Rucksack und Lederrolle machte er sich auf den Rückweg. Auf dem Morbacher Berg musste er die Skier abschnallen, um in den Verwehungen weiterzukommen. Am alten Sportplatz kam Schimpisch Erna über die Römerstraße von Heinzerath von der Goldenen Hochzeit ihrer Oma. Erna sollte nun in Pauls Spur ins Dorf laufen. Als sie durch die nächste Schneewehe stapfen wollten, stand ein abgemagerter Keiler im Weg und lies niemanden vorbei. Paul versuchte mit dem Stock den Keiler abzulenken, sodass Erna vorbeikam. Als er nun selbst vorbei wollte, erwischte ihn die Wildsau am Bein. Er ließ Skier, Rucksack und die Lederrolle zurück und beide stapften so schnell wie möglich nach Hause. Nun wurde der Ortsvorsteher Brejrer-Willi verständigt. Er war Träger einer braunen Uniform und bewaffnet. Mit ein paar Leuten machte er sich auf den Weg und erlegte den Keiler, der sich noch an der gleichen Stelle befand. Das Leder war angefressen, Rucksack und Skier waren heil. Der Keiler war abgemagert und der vertrocknete Darm leer bis auf einen kleinen Rest. Paul war für uns der Held des Tages. Einige Wochen später wurde er zur Wehrmacht eingezogen.

Dispens am Freitag

Pastor Driesch kam seine reparierten Schuhe abholen, am vorherigen Tag hatten wir geschlachtet. Das Fleisch und die Innereien kochten im Kessel, weil mittags die Wurst gemacht werden sollte. Er sagte ohne zu zögern: „Da bleibe ich aber zum Essen.“ Mutter wurde verlegen und sagte: „Heute ist doch Freitag.“, worauf er meinte: „Ich erteile Dispens.“ So machte er das öfters, wenn er freitags zu einer Feier geladen war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s